Gedankenwelt

Als es Winter wurde.....

 

…..nutzte Sie die Zeit, einen Blick zu riskieren. Riskieren? Warum empfand sie das so? War dieser Blick wirklich ein Risiko? Hatte sie vielleicht sogar Angst, was sie sehen könnte, wenn sie diesen Blick riskierte?

Sie dachte nach. Wollte sie diesen Blick überhaupt riskieren? Würde dieser Blick nicht unweigerlich vieles an die Oberfläche holen, was sie selbst bereits ganz tief vergraben hatte?

Oder war das nur oberflächlich betrachtet so, weil sie wusste, dass niemals alles wirklich vergraben sein würde. Beerdigt, abgehakt. Einfach vorbei und Geschichte ? Und wollte sie das überhaupt? Wäre es nicht so, als würde sie einen Teil von sich selbst begraben? Sie wusste es eigentlich nicht. Es war ihr auch ziemlich egal im Moment.

Es gab aber Dinge, die wollte und musste sie hinter sich lassen. Jetzt. Bevor der Winter wieder ging. Der nächste Frühling wollte erlebt, gefühlt und erfüllt werden. Erfüllt von unbeschwerten Momenten, fröhlichen Momenten. Viel Gelächter, Wärme und Harmonie.

Warum war das in den vergangenen Jahren nicht so gewesen? Sie überlegte. Sie war doch immer fröhlich gewesen. Immer humorvoll. Immer zufrieden mit sich und dem, was sie hatte oder war.

Sie dachte leise nach…unruhig lief sie durch das Zimmer. Und wenn sie es richtig überlegte, stellte sie fest, dass sie in den letzten Jahren immer nur für andere da gewesen war. Auf Abruf. Immer. Zu jeder Zeit. Sie war eine bequeme Gewohnheit geworden. Eine Institution der Ruhe, der Kraft. Der Freude – ja. Das alles gab sie gerne weiter. Ohne etwas dafür zu erwarten. Sie freute sich, wenn es anderen gut ging. Keine Frage. Außerdem hatte sie gelernt, dass es immer die Erwartungen sind, die sich am Ende in eine Enttäuschung entzaubern.

Sie hatte gelernt, Wünsche zu formulieren. Wünsche – da ist es anders. Es ist schön, wenn sie erfüllt werden. Aber einen Anspruch darauf hat man eben nicht. Sie hatte sich also gewünscht, dass das zurückliegende Jahr eines der guten Jahre werden soll. Eigentlich wie immer. Nur dieses eine Mal, war es ihr besonders wichtig gewesen. Und als sie nun schon mal an diesem Punkt war, da riskierte sie ihn.

Den Blick zurück.

Ein buntes Jahr, bunte Begegnungen. Traurige Momente. Zuviele davon. Tief saß er, der Schmerz, der sich nun unaufhaltsam an die Oberfläche wühlte…..eine Welle oder nein, eher eine Lawine kam da aus ihr heraus. Ließ sie kurz einknicken, die Schultern einziehen, den Kopf……sie stolperte. Um sie herum wurde es laut. Lauter. Stimmen überschlugen sich.

Sie empfand Ekel. Ihr wurde übel. Selbstgerecht hatten andere versucht, über sie zu urteilen, sogar zu richten. Vor nichts hatte man Halt gemacht. Sogar die schlimmsten Momente ihres Lebens hatte man dazu benutzt, sich selber beweinen und bedauern zu lassen. Ohne sie auch nur zu hören. Einfach so. Sie hatte das bemerkt, zur Kenntnis genommen. Schockiert über ihre Blindheit. Oder besser gesagt Verblendung.

Als das Schlimmste vorbei war, wurde es augenblicklich leiser…..schließlich ganz still. Eine seltsame Ruhe ergriff sie und ein leises Lächeln huschte über ihr Gesicht. Eigentlich wie immer, nach so einem Sturm. Und doch hatte sie das Gefühl, sie war stärker als sie es jemals war. Weil auch dieser Sturm stärker gewesen war. Sie erhob sich. Zunächst auf die Knie. Dann hob sie auch den Kopf. Dann den Blick. Und sie stand auf. Sie stand fest mit beiden Beinen auf der Erde. Sie straffte die Schultern. Und mit einem Lächeln im Gesicht ging sie mit festen Schritten. Und sie sah sich dieses eine Mal einfach gar nicht mehr um. Sie wusste ja nun, was sie gesehen hatte.

 

Das Haus der Treppen

 

Alt und dunkel lag es da. Ganz hinten, weit weg von jeder Straße, weg vom Lärm und vom Staub unserer Zeit.

Als sie es das erste mal betrat und langsam ihren Blick schweifen ließ, hatte sie Angst. Daran erinnerte sie sich deutlich. Es war dunkel hier. Irgendwie auch kühl.


Egal, wohin sie sich auch drehte und wandte, Treppen. Überall. Holz, dunkel. Aber offen, so dass sie durch die offenen Stufen nach oben sehen konnte, immer mehr Treppen sah sie. Ihr wurde schwindelig. Die Treppen schienen sich irgendwo, ganz weit oben in der Dunkelheit zu treffen. Wo das war? Sie wusste es nicht, ahnte es nicht mal.

von diesem Anblick, blieb sie eine Weile dort stehen. Als die Schauer, die ihr über den Rücken krochen immer unerträglicher zu werden drohten, drehte sie sich blitzschnell um, und verließ diesen Ort.

Merkwürdig. Von hier draußen sah dieses Haus zu friedlich aus. Harmonie. Freude. Vielleicht auch sowas wie Liebe? Sie wusste es nicht genau. War es doch zu lange her gewesen, dass sie sowas wie Liebe gefühlt oder empfangen hatte.

Sie sah sich noch einmal kurz um, da war ein Garten. Ein
Wasserlauf. Und eine Brücke, die über einen großen Teich führte. Ein paar Facklen brannten, so als wären die Bewohner dieses Hauses ganz in der Nähe, als säßen sie vielleicht sogar draußen im Garten. Aber da war niemand.

Ein leichter Windhauch streifte ihre Arme und eine leichte Gänsehaut überzog ihren Körper. Sie fröstelte. Und sie drehte sich um und sie ging.

In dieser Nacht fand sie keine wirkliche Ruhe, unruhig war sie, wälzte sich hin und her. Sie wusste nicht was es war, nur wusste sie, dass in diesem Haus viele Antworten zu finden waren. Antworten auf Fragen, die sie nicht mal genau formulieren konnte oder die ihr auch einfach nicht in den Sinn kommen wollten - egal wie sehr sie überlegte.

Irgendwann schlief sie dennoch ein.

Am nächsten Morgen, als sie erwachte, waren die Erinnerungen bereits viel blasser. Alles war gut. Nur eben dieses Gefühl war noch bei ihr. Diese Antworten. Auf die unbekannten Fragen.

Es wurde Winter. Und irgendwann wieder ging sie zu diesem Ort, der sie beinahe magisch anzuziehen schien.

Ihr war klar, dass sie bereits lange Zeit vorher bereits hier gewesen war. Nur wusste sie einfach nicht, warum.

Sie trat ein. Hinein, in das Haus, das nun im Winter noch größer und dunkler wirkte, als es es vor einigen Monaten getan hatte.

Zielstrebig ging sie auf die erste Treppe zu. Sie griff nach dem Geländer und setzte den Fuß -zunächst noch zaghaft- auf die erste Stufe. Kurz schloss sie ihre Augen. Dann marschierte sie los. Stufe für Stufe nahm sie. Es schien ein unendlich langer Aufstieg zu sein. Irgendwann sah sie kurz nach oben. Da war der erste Treppenabsatz. Als sie oben angekommen war, schaute sie kurz nach unten. Unten ? Wo war das ? Sie konnte dort unten nichts mehr erkennen. Da war nur Dunkelheit.

Hier oben auf dem ersten Treppenabsatz sah sie, dass es noch unendlich viele Treppen gab. In allen Formen und Varianten. Und auch von ihrer Position aus, schaute es aus, als würden diese Treppen auch nach oben im Nichts, in der Dunkelheit enden. Umkehren ? Nein. Das würde sie sicherlich nicht tun. Sie entschied sich, die Treppe zu nehmen, die ihr auf den ersten Blick am sympatischsten erschien. Eine alte Treppe. Aus dunklem Holz. Die Stufen knarrten leicht, bei jedem Schritt, den sie machte.

Wieder schien der Weg endlos lang zu sein. Aber je höher sie kam, desto heller wurde es. Ein warmes, freundliches Licht brannte da oben, ganz nah.

Dort angekommen, sah sie eine Tür. Alt, dunkel, schwer. Sie war halb geöffnet. Von hier kam auch dieses warme Licht. Sie drückte vorsichtig die Türe auf. Sie quietschte schrecklich laut und sie erschrak kurz. Aber dieses Licht.....unbeschreiblich.

Sie trat ein.

Der Raum war wunderschön. Spiegel, alt und schwer, hingen an den Wänden. Jeder Rahmen war unterschiedlich. Fast hatte man den Eindruck, als erzählte jeder von ihnen eine eigene, kleine Geschichte. In der Mitte der Raumes eine offene Flamme. Einfach schön. Wärme.

Sie ging näher an das Feuer heran, hielt ihre Hände darüber. Das tat gut.

Sie vernahm den Klang einer sanften, dunklen Frauenstimme. Zunächst nur sehr leise, so dass sie dachte, es wäre der Wind, der an den Holzläden sanft rüttelte.

Dann wurde die Stimme lauter. Nun hörte sie sie ganz deutlich. *Sei gegrüßt*...so sprach sie sanft zu ihr. Sie erschrak. Egal wohin sie sah - da war niemand, außer ihr selbst.

Und dann Begann die Stimme, zu erzählen. Einfach so.

*Du wirst suchen. Und Du wirst finden. Dein Weg war lang und er war hart. Du hast gelernt, Deine Zuversicht zu erhalten. Du wirst Liebe empfangen und Liebe geben. Bereits lange begleite ich Dich. Und ich beschütze Dich. Bis Du gelernt hast, wer gut für Dich ist. Was gut für Dich ist. Mein Weg an Deiner Seite geht nun langsam dem Ende zu. Und deshalb musstest Du auch den Weg hierher nach oben, über die vielen Treppen und Stufen finden.Ich kann Dir nicht mehr viel mit auf die Deine Reise geben. Nur das eine, will ich Dir noch sagen. Du bist gut. Und Du bist richtig. So wie Du bist. Als Teil des Ganzen ein liebenswertes Einzelstück. Und Du bist stark. Stark genug für den Weg ohne mich an Deiner Seite. Und nun geh hinab. Und fang an, zu leben. Und genieße es. So sehr Du es zu genießen vermagst. Mit all Deinen Sinnen. Dein Weg ab jetzt - er liegt vor Dir. Und der, der hinter Dir liegt, akzeptiere ihn. Ebenfalls als ein Teil des Ganzen*

Und dann war da Stille. Aber keine, die ihr Angst machte. Sondern eine friedliche Stille. Und sie ging. Raus aus diesem Zimmer. Die Holztreppe nach unten. Den ersten Absatz hinter sich lassend......und dann war sie am Boden angekommen. Sie ging hinaus in die Winternacht. Kalt war es geworden. Feiner Schnee fiel herab......

Sie erwachte am nächsten Morgen. Etwas müde war sie. Was für ein komischer Traum war das bloß gewesen? Irre. Als sie die Beine über die Bettkante schwang, um aufzustehen, bemerkte sie plötzlich, dass sie leichten Muskelkater hatte. Sie stutzte. Aber nur kurz. Und dann lächelte sie und so begrüßte sie diesen Tag. Wie eigentlich jeden. Seit dieser Nacht.

 



 

 

 

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